Blogbeitrag

Digitale Souveränität. Wie überwinden wir unser Stockholm-Syndrom?

Ein öffentlicher Appell zum achtsamen Einsatz monopolistischer Hard- und Software.

Collage - Links: Francis Picabia, Don Quichotte, 1941 - Rechts: Tizian, (Punishment) Sisyphus, 1548/1549

Einleitung – Geliebte Ketten

Es ist ein merkwürdiges Phänomen: Wir wissen längst, dass eine Handvoll Konzerne unsere Kommunikation, unsere Zahlungen, unsere Software und unsere KI-Nutzung kontrolliert. Wir lesen die täglichen Skandale, akzeptieren die Preissteigerungen und erdulden den vernachlässigten Support. Und dennoch bleiben wir – privat, in Unternehmen, in öffentlichen Institutionen – treue Nutzer:innen. Es scheint weit mehr als das Festhalten an Gewohnheiten, es scheint etwas zu sein, das Psycholog:innen als Stockholm-Syndrom beschreiben würden: Wir verteidigen diejenigen, von deren Macht wir abhängig geworden sind.

Hinweis: Der Begriff Stockholm-Syndrom im Zusammenhang mit digitaler Abhängigkeit ist nicht von mir, sondern aus folgenden zwei Artikeln entlehnt:

  1. Digitales Stockholm-Syndrom, Lukas Hermsmeier, New York, 2018-05-08, Die Zeit.
  2. Digital Stockholm Syndrome: Why We’re Addicted to the Apps That Make Us Miserable, Terrance Craddock, 2024-10-04, Medium.

Um über verschiedene Themen im Netz zu sprechen, werden oft Hashtags verwendet. Im Fall unserer digitalen Abhängigkeit werden Beiträge, Posts oder Kommentare zum Beispiel mit #GAFAM oder #NoGAFAM gekennzeichnet. Diese beiden Hashtags sind meiner Ansicht nach längst überholt – zu eng gefasst, zu sehr auf die Produkte statt auf die Konzerne bezogen, und sie lassen entscheidende Schwergewichte ungenannt. Die kritischen Aussagen zu den mit GAFAM bereits benannten Unternehmen haben weiterhin Bestand, aber ich schlage stattdessen #MAMPAAX bzw. #NoMAMPAAX vor.

MAMPAAX steht in Teilen weiterhin für die üblichen Verdächtigen – aber z. B. für die Mutterkonzerne: Meta statt Facebook und Alphabet statt Google. Mit Meta sind dann auch WhatsApp, Instagram und Threads gemeint, und bei Alphabet geht es um weit mehr als deren bekanntestes Produkt - die Suchmaschine ‚Google‘. Durch MAMPAAX werden zudem drei weitere Akteure aus der digitalen Vorherrschaft benannt: PayPal, Adobe und X.

Zur Plattform X brauche ich an sich nichts mehr zu schreiben. Elon Musk diskreditiert sich jeden Tag selbst.

Dass die Plattform X und der Zahlungsdienst PayPal eine gemeinsame Schnittmenge haben, ist weniger bekannt: 1999 gründete Musk die Online-Bank X.com. Sie fusionierte im Jahr 2000 mit Confinity, dem Unternehmen hinter dem bereits 1999 gestarteten Zahlungsdienst PayPal. Aus dem fusionierten Unternehmen, das zunächst den Namen X.com behielt, wurde 2001 offiziell das heutige PayPal. PayPal wurde für kurze Zeit von Musk als CEO geleitet, bevor ihn der Vorstand durch Peter Thiel ersetzte. Die Domain x.com selbst blieb im Besitz von PayPal, bis Musk sie 2017 zurückkaufte und den Namen schließlich 2023 für das Rebranding von Twitter nutzte.

Unabhängig davon: PayPal ist aktuell die am meisten verbreitete Transaktionsplattform im E-Commerce. Selbst wenn der Online-Handel als Zahlungsmittel (andere) Kreditkartenoptionen anbietet, steckt oftmals PayPal als Zahlungsdienstleister dahinter. Es ist längst überfällig, dass es zu diesem Anbieter europäische Alternativen gibt, und die ersten Bestrebungen von Wero gehen meiner Einschätzung nach in die richtige Richtung.

Und warum Adobe? Für diejenigen, die Adobe zwangsläufig nutzen, dürfte das keine Überraschung sein. Adobe hat in den vergangenen Jahren seine Marktstellung derart ausgenutzt, die Preise so massiv angezogen und Service & Support, zumindest in Deutschland, derart heruntergewirtschaftet, dass sich das Unternehmen Tag für Tag selbst als Monopol präsentiert, an dem scheinbar kein Weg vorbeiführt. Alternativen sind spärlich gesät: Die Produktlinie Affinity des ehemals rein britischen Unternehmens Serif gehört mittlerweile zu Canva, einem australischen Unternehmen, das auch in Deutschland hohe Verbreitung gefunden hat.

Somit sind die einzelnen Buchstaben von #NoMAMPAAX erklärt: Statt Google, Apple, Facebook, Amazon, Microsoft für GAFAM rücken mit MAMPAAX Meta, Alphabet, Microsoft, PayPal, Amazon, Adobe, X in den Vordergrund.

Zunehmende Verschärfung

Doch auch #NoMAMPAAX ist schon wieder überholt, wenn ich an die Vorherrschaft der Anbieter aus den USA denke, die ihre KI-Bots in alle Büros und Wohnzimmer Europas gesendet haben. Sobald mir ein passender Hashtag einfällt, oder der bestehende so ergänzt werden kann, dass es ein einprägsames Kürzel ergibt, werde ich ihn verwenden. Zudem sind zwei der weltweit größten KI-Angebote bei Alphabet und Microsoft bereits enthalten und für die anderen KI-Anbieter, wovon die drei bekanntesten wohl OpenAI, Anthropic und Perplexity sein dürften, findet sich bestimmt noch ein passender Hashtag. Darüber hinaus sind zwei weitere Unternehmen kritisch zu betrachten: Der direkte Profiteur des andauernden KI-Hypes, Nvidia, und der scheinbar stetig voranschreitende Einsatz der KI-basierten Überwachungssoftware Palantir von Peter Thiel.

Unkontrollierbare Monopole

Meine Ausführungen mögen eventuell befremdlich wirken oder rückwärtsgewandt klingen. Doch mir geht es nicht vorrangig um die Diskussion über den Sinn oder Unsinn des Einsatzes von KI im Allgemeinen, sondern – im Fall der SocialMedia-Plattformen und Software-Applikationen – um die vorherrschende Übermacht einer sehr kleinen Zahl von Unternehmen, die de facto internationale Monopole bzw. eine fast unanfechtbare Marktmacht darstellen, deren Kontrolle weitestgehend außerhalb der deutschen bzw. europäischen Rechtsvorgaben liegt, und deren Datensammlungen alle bisher bekannten Dimensionen übersteigen.

Bemerkenswerte Hartnäckigkeit

Was mich nach nun bald 10 Jahren Engagement für den achtsamen Einsatz von monopolistischer Hard- und Software am meisten irritiert, ist die bemerkenswerte Hartnäckigkeit der Privatpersonen, Unternehmen und öffentlichen Institutionen, die sich trotz der zahlreichen Enthüllungen und von den Unternehmensleitungen selbst publizierten Tweets, Posts und PR-Mitteilungen nicht von der Nutzung abschrecken lassen oder zumindest die zahlreich existierenden Alternativen ausprobieren.

Es gibt kaum eine Branche, in der Kundinnen und Kunden so viel Widriges hinnehmen: Preiserhöhungen ohne Gegenleistung, eingestellte Funktionen, vernachlässigter Support, fast tägliche Updates oder Enthüllungen über Datenabflüsse. Und dennoch bleiben sie ihrer Auswahl treu – der vermeintliche Komfort scheint immer zu siegen, die Besorgnis vor Neuem stetig zu wachsen. Privatpersonen fehlen oft die nötigen Unterstützungen für einen Umstieg, Unternehmen und öffentliche Institutionen bleiben trotz professioneller IT-Abteilungen beim Status quo, und Befürworter:innen – gerne auch ‚FanBoys‘ genannt – preisen auf LinkedIn & Co. weiterhin die Leistungsfähigkeit von Produkten der oben genannten Konzerne in überschwänglicher und unkritischer Art und Weise.

Dieses Beharrungsvermögen lässt sich nicht mehr rational erklären. Es ist in meinen Augen nichts anderes als das eingangs beschriebene digitale Stockholm-Syndrom – und der Auslöser für meinen erneuten Appell.

Öffentlicher Appell

Digitale Abhängigkeiten sind nicht mehr als das, was sie sind – sie sind keine unausweichlichen Schicksalsschläge oder unveränderlichen Rahmenbedingungen. Und Digitale Unabhängigkeit oder Digitale Souveränität sind keine Modebegriffe oder Hypes, sondern Ausdruck einer stärker werdenden, öffentlichen Meinungsbildung.

Privatpersonen können zu Beginn eine der vielen Alternativen installieren, zum Beispiel LibreOffice statt MS Office, und es ganz nüchtern als Experiment betrachten, nicht als politisches Bekenntnis. Wenn sie damit zufrieden sind, probieren sie eventuell weitere Alternativen. Unterstützungen vor Ort finden sich zum Beispiel mit Hilfe der in diesem Jahr gestarteten Initiative DI.DAY, die Veranstaltungen auflistet, die jeden ersten Sonntag im Monat, mancherorts auch während des Monats, stattfinden. Oder - Achtung Eigenwerbung - Sie wenden sich direkt an mich.

Unternehmen können in ihren Ausschreibungen europäische bzw. offene Alternativen aktiv einfordern. Solange Entscheidungen über Anschaffungen und Investitionen stillschweigend beim Altbekannten bleiben, zementieren Sie mit jeder akzeptierten Preiserhöhung die Vormachtstellung der bestehenden Anbieter und erhöhen m. E. das unternehmerische Risiko, sich von politischen Entscheidungen jenseits des Atlantiks abhängiger zu machen.

Öffentliche Institutionen haben eine Fürsorgepflicht, die bei ihren eigenen Rechenzentren beginnt. Der Einsatz von Software, deren Kontrolle außerhalb des europäischen Rechtsraums liegt, ist in dem Moment, in dem es belegbare Alternativen gibt, keine Neutralitätsentscheidung mehr, sondern eine politische. Und wenn europäische oder zumindest offene Alternativen öffentliches Geld erhalten, bevor es monopolistische Anbieter bekommen, ist das keine Förderentscheidung, sondern Standortpolitik. Vorbildhaft sind dabei für mich die Entscheidungen der aktuellen Landesregierung in Schleswig-Holstein und der Digitalbehörde in Frankreich.

Und um es zum Ende dieses Appells mit einem schon etwas überstrapazierten Begriff zu formulieren, den eine ehemalige Bundeskanzlerin geprägt hat:

Die bestehenden Alternativen sind alternativlos.

Persönliche Einschränkungen

Ich gebe an dieser Stelle offen zu, dass mein persönliches Verhalten ambivalent ist. Durch die Nutzung der Hard- und Software von Apple und bestimmter KI-Lösungen, wie zum Beispiel von Mistral oder von Aleph Alpha, zeigt sich, dass es für mich ebenfalls nicht leicht ist, die Komfortzone zu verlassen. Es gibt nicht immer nur Schwarz-Oder-Weiß und Null-Oder-Eins.

Dass ich in meiner Aufzählung der Unternehmen für #MAMPAAX Apple habe wegfallen lassen, ist einer rein persönlichen Einschätzung geschuldet, die regelmäßig auf eine harte Bewährungsprobe gestellt wird, wenn ich manche Meldungen über den Apple-CEO Tim Cook lesen muss. Und zu Apple werde ich - hoffentlich in naher Zukunft - einen gesonderten Blogbeitrag schreiben.

Ein anderer, bald zwei Jahre alter Blogbeitrag von mir, KI - Ein konstruktiver und kritischer Kommentar‘, erläutert meine Einstellung zum Thema KI, die sich vom Grundsatz her bis heute nicht geändert hat. Die darin formulierte Aussage, dass es in unserem Umgang mit KI nicht um die Devise Augen zu und durch, sondern um Augen auf und durch geht, gilt für mich zwei Jahre danach umso mehr.

Aktueller Lichtblick

Ein Lichtblick – pathetisch formuliert – sind die zunehmenden Angebote und Bestrebungen zahlreicher Akteure, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, diesen monopolistischen Hard- und Software-Anbietern entgegenzutreten. Auch wenn deren täglicher Kampf für manche Menschen so wirkt wie der, der sich hinter den Geschichten im Titelbild zu diesem Beitrag verbirgt – dieser Kampf ist unerlässlich. Und aus diesem Grund erlaube ich mir nachfolgend wenigstens ein paar (weitere) Links aufzulisten, um diese Angebote und Akteure zu unterstützen – wobei diese Liste noch unvollständig ist und deutlich umfangreicher ausfallen kann.

Existierende Alternativen

Meist mit Links zu den entsprechenden Spendenaufrufen.

Für SocialMedia

Nachfolgende Liste wird schrittweise ergänzt:

Für Browser, Apps, IT-Sicherheit und Datenschutz

Einen sehr guten Einstieg bietet u. a. Mike Kuketz unter:
Kuketz-IT-Security

Für FOSS/OSS oder kommerzielle Software und Dienste

Eine sehr gute Übersicht von Constantin Graf findet sich unter:
Europäische Alternativen für digitale Produkte

Lösungen für KMU, öffentliche Institutionen und insbesondere Kommunen

Zwei beispielhafte Angebote aus Deutschland:

  • ZenDIS - Offizielle, vom Bund unterstützte Initiative.
  • NextCloud - Privatwirtschaftlicher Anbieter.

Quellenangaben zum Titelbild

Via Wikimedia Commons:

  • Francis Picabia, Don Quichotte, 1941, Public domain.
  • Tizian, (Punishment) Sisyphus, 1548/1549, Public domain.

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Michael Marek

Michael Marek

Beruf: Digital Consultant | Usability Engineering · UX-Design · Web-Konzeption · Online-Redaktion · Technische Dokumentation · Digitale Souveränität
Privat: Glücklicher Ehemann, stolzer Vater, leidenschaftlicher Fotograf, enthusiastischer Musikhörer, begeisterter Radfahrer und ein überzeugter Europäer.